Predigt – 24.12.2025 Heiligabend: „Der gute Hirte wohnt in uns“

(Auszüge aus Ezechiel 37)

[Vor langen Zeiten, Jahrhunderte vor Christi Geburt, da sprach Gott durch seinen Propheten Ezechiel. Er sprach zu den Israeliten, die in ein fremdes Land verschleppt worden waren, nach Babylonien. Gott sprach über eine neue Zeit:]

Mein Knecht David wird ihr König sein, ein einziger Hirte für das ganze Volk.
Sie werden meine Gebote beachten
und meine Anordnungen bewahren und befolgen. […]
Dann schließe ich einen Bund des Friedens mit ihnen.
Dieser Bund wird für alle Zeit gelten. […]
Ich werde unter ihnen wohnen und ihr Gott sein.
Und sie, sie werden mein Volk sein.

Liebe Gemeinde,

ein Hirte ist mitten unter uns. Einer, der sich auskennt mit den Schafen.
Die Schafe sind wir.

Wenn wir das Wort „Hirte“ hören, denken wir in erster Linie an Leute, die Tiere hüten. Diese Hirten spielen auch zu Weihnachten eine wichtige Rolle. Sie tauchen auf in jedem Krippenspiel. Mit Fell und Hirtenstab sind sie die ersten, denen die Geburt von Jesus verkündigt wird und die dann im Stall bei Maria und Josef landen. Nachhaltig beeindruckt von dem Erlebten verkünden sie das Wunder, dass da in ärmlichen Verhältnissen ein ganz besonderer Mensch geboren wurde: einer, der die Menschen retten wird! Jesus wird einer sein, der keine Schafe um sich schart, sondern Menschen. Jesus wird ein Menschenhirte sein.

Die alten Israeliten dachten beim Wort „Hirte“ nicht nur an Schafe. Die Könige Israels wurden einst so bezeichnet: Menschenhirten, die ihre Untertanen weiden, sich um sie kümmern, sie vor Gefahren schützen, so wie ein echter Hirte seine Schafe vor Raubtieren schützt und sie zu saftigen Wiesen führt. Vom ersten großen König David heißt es, dass er als kleiner Junge die Schafe hütete, bevor er später König über viele Menschen war. Könige haben sich gern selbst als gute Hirten inszeniert, das kam gut an. Allerdings gab es irgendwann keine Könige mehr. Politische Fehlentscheidungen führten dazu, dass das Königtum unterging und viele Menschen ins Exil gehen mussten. Der Prophet Ezechiel ist einer von denen, die den Untergang des Königtums miterlebten und die nach Babylon gehen mussten, fernab der Heimat. Er schreibt aus der Fremde an sein Volk. Trotz der trostlosen Lage hat er Hoffnung. Er schreibt von einer neuen Zeit, die irgendwann anbrechen wird:

Mein Knecht David wird ihr König sein, ein einziger Hirte für das ganze Volk.
Und ich, Gott, werde mitten unter euch wohnen.

Ezechiel hat die Hoffnung, dass ein neuer David kommen wird, der das Volk wie ein guter Hirte regieren wird. Diese Hoffnung hat sich gehalten bis in die Zeit, in der Jesus geboren werden sollte. Da passierten wundersame Dinge. Es gab wohl einen unbedeutenden Zimmermann mit Namen Josef, verlobt mit einer gewissen Maria. Von Josef wird berichtet, er sei Nachfahre des berühmten König David. Maria ist schwanger, aus ungeklärten Gründen. Josef bleibt bei ihr, begleitet sie in seine Heimatstadt, nach Bethlehem. Bethlehem ist nur eine kleine Stadt, wirtschaftlich und politisch unbedeutend. Aber in dieser kleinen Stadt wurde der kleine Hirtenjunge und spätere König David geboren. Und so schließt sich der Kreis, da nun, Jahrhunderte später, ganz still und geheim ein neuer Hirte, eine neuer König das Licht der Welt erblickt: Jesus. Die Geschichte Gottes mit uns Menschen beginnt ganz unscheinbar, im Kleinen, im Unvollkommenen, mit einer kleinen Patchwork-Familie, die gegen ihren Willen in einem völlig überfüllten Provinzkaff landet und ihr erstes Kind in einem schäbigen Stall bekommt.

Liebe Gemeinde, drei hoffnungsvolle Gedanken nehme ich mir aus diesen alten Texten mit in die Weihnachtstage. Der erste Gedanke: Die Geschichte Gottes mit uns Menschen wird nicht von den Mächtigen dieser Welt entschieden – damals weder in Babylon noch in Rom, heute weder in Washington noch in Moskau, auch nicht in Berlin. Die Geschichte Gottes mit uns Menschen endet nicht dort, wo Menschen sich als Nummer fühlen, als Mittel zum Zweck, instrumentalisiert werden für wirtschaftliche oder politische Ziele so wie damals. Maria und Josef waren Spielball im Spiel der Mächtigen, mussten sich fügen unter dem Befehl des Kaisers: Volkszählung! Aber der wahre Hirte regiert nicht in Rom. Gott regiert im Verborgenen. Gott hat sich einen schäbigen Stall in einem Provinzkaff erkoren als Ort, wo seine Liebe leibhaftig zur Welt kommt. Diese Liebe wird zarte, aber spürbare Wellen schlagen. Diese Wellen schlagen über Zeit und Raum, sie führen uns zusammen, heute hier, so viele Menschen weltweit, die die Geburt Jesu feiern.

Der zweite hoffnungsvolle Gedanke lautet: Der wahre Hirte regiert die Herzen. Weil er sich kümmert, so wie die echten Hirten bei Bethlehem sich um ihre Tiere kümmerten, bevor die Engel ihnen eine Arbeitspause verordneten. Jesus war der wahre Hirte, weil er den Menschen seiner Zeit so nahe war, sich ernsthaft interessiert hat für die Sorgen, Nöte und Probleme seiner Zeit. Das ist für mich eine wichtige Ermutigung für alle Hirtinnen und Hirten von heute: alle, die sich beruflich oder privat um andere kümmern. Auch wenn sich soziales Engagement leider oft nicht in Gehalt und Anerkennung widerspiegelt, es zählt! Bei Gott zählt das, wenn sich Menschen verantwortlich fühlen und helfen, denn Gott selbst ist der wahre Hirte und Gott sind Menschen nicht egal.

Und damit komme ich zum dritten und letzten Gedanken, einem zutiefst weihnachtlichen Gedanken: Gott wohnt unter uns! Nach den Worten des Propheten verspricht uns Gott: Ich werde wohnen mitten unter euch! Ezechiel lebte in einer Zeit, in der der erste, ehrwürdige Tempel Gottes in Jerusalem zerstört wurde. Dennoch blieb die Hoffnung lebendig, dass Gott wieder neu inmitten seines Volkes wohnen wird. Der Prophet spürte Gott im Herzen, obwohl er ganz woanders war, in der Fremde. Diese Erfahrung bedeutet, dass sich Gott nicht nur im Hochglanz prächtiger Tempel zeigt. Es muss nicht die teuersten Geschenke und nicht die strahlendsten Lichterketten geben, damit Gott anwesend ist. Erst recht nicht bei Maria und Josef in Bethlehem. Da wird er geboren, der gute Hirte. Gottes Liebe kommt zur Welt, materialisiert sich, wird lebendig im fragilen Tempel eines menschlichen Körpers. Gott heiligt auch uns als Gottes Kinder in unseren zerbrechlichen, unvollkommenen Körpern, in unseren oft nicht so perfekten Familienverhältnissen, in unseren Behausungen, in denen irgendwann nach den Festtagen die Bäume nadeln und die Wollmäuse Einzug halten. Gott ist da bei uns, mitten drin im brüchigen Leben. Gottes Liebe wird menschlich. Das ist theologisch radikal: Gott nimmt Anteil an uns, physisch, körperlich, hautnah. Und das heißt auch: Wir sind Gott nicht egal, niemals! Wenn wir Menschen leiden, dann geht das Gott an die Nieren.

Daher ist Gott der wahre Hirte. Dieser Hirte zeigte sich in Jesus, der das mit jeder Faser seines Seins zum Ausdruck brachte: „Ihr seid mir nicht egal. Ich interessiere mich für euch! Ich leide mit euch und für euch.“

Möge der gute Hirte bei uns wohnen, in unsere Herzen einziehen, uns von innen erwärmen. Möge unser Herz die Krippe sein, in der er sich einnistet, im Wiegeschritt unseres Herzschlags zur Ruhe kommt. Und wenn er in unseren Herzen fest verwurzelt ist, dann wird er uns führen in seinen Frieden.

Und dieser Frieden, der viel höher, größer und mächtiger ist als alles, was wir uns vorstellen können, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

— Pfr. Clemens Schneider, Dezember 2025